More ladies, please!

Die Rede von Judith Venetz, Mitglied der Geschäftsleitung Unia-Berner Oberland, anlässlich der 1. Mai-Feier in Interlaken.

 

"Damit wir nicht wieder hundert Jahre zurückfallen, braucht es den gewerkschaftlichen Aufstand. Nehmen wir den Frauenstreik als Start für eine Wende für Respekt, mehr Lohn – mehr Zeit."

 

 

Geschätzte Anwesende

Liebe Genossinen, liebe Genossen

Es freut mich sehr, dass ich als Oberwalliserin, in diesem Jahr hier in Interlaken Gastrecht geniesse und die Rede zum 1. Mai 2019 halten darf.

Als Oberwalliserin im Oberland sprechen zu dürfen, ist mir eine Ehre. Ich fühle mich hier heimisch. Interlaken, das Berner Oberland hat so einige Ähnlichkeiten mit dem Oberwallis. Sind doch beides Berg- und Randregionen; Tourismusregionen, mit den bekannten Problemen in der Arbeitswelt. Wie ähnlich sich die Regionen sind, hat die Rede von Urs Graf gezeigt. Eigentlich kann ich nach den Worten von Urs nun meine Rede um die Hälfte kürzen. Er hat dieselben Problemstellungen mit denen Tourismusregionen zu kämpfen hat, eben aufgezeigt. Prekäre Arbeitsverhältnisse, Arbeit auf Abruf, tiefe Löhne, Saisonarbeitsverträge, die Liste könnte weitergeführt werden. All dies kennen wir in beiden Regionen. Aber auch die Bergwelt ist phänomenal, im Oberland wie im Oberwallis. Ihr habt die tollen Gipfel den Eiger, die Jungfrau und den Mönch. Wir haben das Matterhorn. Doch was ist los in Zermatt: Seit einigen Wochen ist aus Zermatt nur noch zu hören: No Ladys! Please! Was soll das im 21ten Jahrhundert?

Nicht dass die Zermatter keine weiblichen Gäste mehr wollen, nein. Es handelt sich um no Ladys am Berg. Lucy Walker, eine bergerfahrene britische Adlige, will 1871 als erste Frau das Matterhorn erklimmen. Dabei stösst sie auf allerlei Widerstände: Sie muss sich gegen den Willen ihrer Eltern, gegen die Gesetze ihres Standes und nicht zuletzt gegen die geschlechterspezifischen Vorurteile ihrer Zeit durchsetzen.

No Ladys please, im 21-ten Jahrhundert. Die Situation in der Arbeitswelt, beim Versuch der Frauen die Chefetagen zu erklimmen, in Leitungsfunktionen hochzusteigen, stossen Frauen immer noch an Vorbehalte, an Widerstand. Na ja, fürs Protokoll und für den Kaffeeservice, dafür sind Frauen willkommen an Sitzungen, dieses Denken ist leider immer noch, wenn auch nicht überall, verbreitet. Aber für weiter nach Oben: no Ladys please. Da gibt es in Leitungsgremien, vielleicht mal eine Frau, wenn’s hochkommt. Und wenn es eine Frau schafft, trotz den vielen Hindernissen, wird diese gemessen an banalen Kleinigkeiten; die Kleidung; der Sexappeal; der Auftritt; und übersteht die Frau all diese äusserlichen Hindernisse, wird bald einmal von Überforderung gesprochen, dass eine Frau alleine die Herausforderungen nicht schaffen würde. Sofort der Ruf nach Co-Leitungen. Hinterwäldlerische Herren, ertragen es einfach nicht, dass es in der heutigen Zeit auch Frauen schaffen. Das verursacht Zwangsstörungen. Freiwillig geben die Männer ihre Macht nicht ab.

Darum: More Ladys please: auf zum Frauenstreik am 14. Juni

Frauenstreik für mehr Lohn, für Lohngleichheit. Die Lohngleichheit ein immerwährender Kampf. Nach kleinen Fortschritten, die in den letzten Jahren erreicht wurden, ist jüngst wieder ein Rückschritt messbar. Ein Frauenstreik braucht das Land. Aber nicht nur gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit ist noch Theorie. In den typischen Frauenberufen sind die Löhne massiv, massiv tiefer. Im Gastgewerbe ein Mindestlohn von knapp Dreitausend-Vierhundert Franken; im Detailhandel gibt es keine Mindestlöhne, ausser der Betrieb hat einen GAV ausgehandelt.

A apropos GAV: Im Oberland, vorab in Interlaken konnten wir in den letzten Jahren eine sogenannte LEX Oberland einführen. Dies weil die Unia keinen GAV mit der Valora AG unterzeichnen konnte. Die Syna ist Vertragsgewerkschaft. Nun im Oberland, angefangen hat’s in Interlaken, wollte man den Kioskfrauen an den Kragen Konkret: an das Dienstaltersgeschenk und an die Arbeitspensen. Das Vorhaben der Geschäftsleitung war, langgedienten Arbeitnehmerinnen das Dienstaltersgeschenk massiv zu kürzen; auch waren Kürzungen im Arbeitspensum vorgesehen. Und bedenken wir, dass in diesem Bereich die Löhne bereits arg tief liegen, eine Pensums Kürzung Auswirkungen auf das Einkommen gehabt hätte, und in der Folge die Kiosk Frauen somit mit dem Einkommen den eigenen Lebensunterhalt nicht mehr hätte bestreiten können. Die Kioskfrauen haben sich das nicht gefallen lassen; haben sich formiert und gemeinsam mit der Gewerkschaft konnten diese Abbaumassnahmen aufgefangen werden. Seither gilt eine ungeschriebene Lex Oberland. Haben Valora Frauen im Oberland ein Problem, ruft die Gewerkschaft bei Valora an und es wird umgehend nach einer Lösung gesucht. Eine wenn auch kleine, Errungenschaft für die Kiosk Frauen. Ein Beispiel dafür, dass wer sich wehrt, gewinnen kann.

Dank den Gewerkschaften konnten in diversen Branchen GAV’s ausgehandelt werden, die Verbindlichkeit schaffen. In vielen GAV’s sind Mindestlöhne geregelt. Doch die Angriffe auf die GAV’s, auf die darin vereinbarten Mindestlöhne mehren sich. Denken wir ein Jahr zurück: der Landesmantelvertrag für die Baubranche war in grosser Gefahr. Die Arbeitgeber wollten diesen kündigen, wollten sich verabschieden von regulierten Arbeitsbedingungen. Wollten zurück zum System Willkür. Mit dem LMV zusammenhängend war auch der vorzeitige Altersrücktritt im Baugewerbe auf der Kippe. Eine Errungenschaft, die nötig ist und die die Arbeitnehmenden rege beanspruchen. Nach 40 Jahren auf dem Bau: da ist man körperlich ausgezehrt. Ein vorzeitiger Altersrückschritt ist kein Luxus. Dank einer landesweiten Gegenwehr, dank vielen Arbeitnehmenden und deren aktiven Engagement, konnte dieser wichtige GAV verteidigt werden. Ein Erfolg. Ein Erfolg für die Arbeitnehmerschaft, ein Erfolg für die Gewerkschaften. Die Gewerkschaften haben demonstriert, dass viel zu erreichen ist, wenn sich die Arbeitnehmenden formieren und sich gemeinsam, für eine Sache wehren.

Wie wichtig Mindestlöhne und der damit zusammenhängende Lohnschutz ist, zeigen die flankierenden Massnahmen, die sogenannten FLAM, die mit der Personenfreizügigkeit eingeführt wurden. Die Flam wurden bei den damaligen Verhandlungen mit roten Linien geschützt. Das Ziel der Flam ist, dass in der Schweiz Schweizer Löhne bezahlt werden müssen. Doch dieser Lohnschutz, diese roten Linien, sollten gelockert werden, das war das Ansinnen eines übereifrigen FDP Bundesrates. Gottlob hatten wir Paul Rechsteiner, unseren Gewerkschaftschef, der unbeugsam und furchtlos die roten Linien beim Lohnschutz verteidigt hat. Und zwar ohne Wenn und Aber. Mit einer klaren und eindeutigen Kommunikation.

Dass die Verteidigung und die harte Linie des obersten Gewerkschafters heute nun innerhalb der Linken diskutiert und in Frage gestellt wird, scheint mir unverständlich. Es scheint mir als ob das Denken mancher Vertreter der Arbeiter, in einen Dämmerzustand gefallen ist. Aber wie das Tessiner Beispiel bei der SBB Baustelle, das letztes Wochenende publik wurde, zeigt, geraten Löhne und Arbeitsbedingungen noch mehr unter Druck, wenn wir die Gewerkschaften, die Linken nicht wachsam sind.

Darum für den Lohnschutz, für gesicherte Einkommen schweizweit, gegen Lohnunterbietungen: Frauenstreik 14. Juni.

Mehr Lohn und Renten zum Leben, das der gewerkschaftliche Aufruf am diesjährigen Tag der Arbeit. Doch auch die Altersvorsorge, die soziale Sicherheit ist gefährdet. Ein Angriff hier, ein anderer dort. Die Menschen, die Arbeitnehmenden, die auf diese sozialen Sicherungen angewiesen sind, werden verschrien, als Schmarotzer und eigentlich bekämen diese Menschen eh zu viel, ist die Meinung verhärteter SVP’ler. Noch mehr Kürzungen erträgt jedoch das System nicht. Wir müssen uns wieder bewusst werden, dass die Soziale Sicherheit Aufgabe des Staates ist und nicht Aufgabe privater Einrichtungen. Sonst sehen wir uns wieder zurück ins Mittelalter versetzt, wo Menschen armengenössig, bei Privaten und bei Kirchen um Almosen anstehen mussten. Immer zu Gottes Lob und Dank. Das Recht auf soziale Sicherheit dürfen wir nicht aufgeben, wir müssen dieses verteidigen.Doch wenn es bei uns so weitergeht, landen wir zurück in der Vergangenheit. Ein jüngstes Beispiel zeigt, wie die Diskussionen rund um das Referendum der Einsetzung von Sozialdetektiven gelaufen waren. Als Profiteure, als Schmarotzer, die nur den Staat ausnehmen anstatt selber zu arbeiten und dergleichen, so werden diese Menschen verschrien. Ein leiser Rassismus gegen die Sozialhilfeempfängenden war in der Luft. Spürbar. Dass diese Sozialdetektive auch ein weiterer Schritt zur Entmündigung des Volkes, ein weiterer Schritt hin zur Überwachung ist, das verursacht eine Zwangsstörung. Zwei zukunftsgerichtete und clevere Personen haben gegen so einen Unfug, quasi im Alleingang das Referendum ergriffen, und hatten Angesichts, der Tatsache, dass keine Parteien, Institutionen usw. von Anfang an hinter ihnen standen, doch ein passables Abstimmungs- Ergebnis erzielt. Bravo Sibille, Bravo Dimitri. Letztgenannter ein notabene ein Interlakner.

Erstaunt hat bei diesem Referendum, dass die linken Parteien, nicht selber auf die Idee des Referendums Ergreifens gekommen sind. Erst nach einer langen Zeit des Zögerns ist die SP dann auf den Zug aufgesprungen. Den sozialen Rückschritt haben die Linken anfänglich gestützt, was für mich unverständlich ist. Schreiben sie sich doch die Soziale Sicherheit, gute Löhne, usw. auf die Fahnen. Und hier wo das Hauptthema Überwachung war, wurde zurückgekrebst, wurde die Überwachung geduldet. Dabei sind doch nicht wenige Linke in den 70 Jahren auf die Strasse gegangen: ich sage nur: Fisher man is wotching you! Stopp der Überwachung: Stopp der Entmündigung. War da vielleicht bei den Linken eine Ermüdungserscheinung sichtbar. Oder hat man die linken Wurzeln komplett vergessen.

Für mehr Respekt.

Für Respekt gegenüber den Menschen, die auf eine gutfunktionierende und respektvolle Soziale Sicherung angewiesen sind: dafür braucht’s den Frauenstreik am 14. Juni 2019. Blicken wir zurück: die Gewerkschaften, die Arbeiterparteien, die Linken haben in der Vergangenheit, aber auch in jüngster Zeit doch so Einiges erreicht.  Unsere Vorfahren haben gekämpft für eine sichere Altersvorsorge, auf die wir stolz sein können. Eine Forderung des Generalstreiks im 1918.  Aber die Altersversorgung wird von den wirtschaftlichen Kräften in unserem Land hart attackiert. Aufgepasst. Wir lassen uns diese Errungenschaft nicht nehmen. Darum ist der Kampf für Renten, die zum Leben reichen aktueller denn je.  Ja der Generalstreik: vor hundert Jahren. Im letzten Jahr hatten wir ein Gewerkschaftliches Jubiläum zu Feiern. Erinnern wir uns noch an die Hauptforderungen des Streikkomitees? Vage, vage wahrscheinlich. Dabei waren die Probleme vor 100 Jahren, ähnliche wie heute. Eine Forderung des Streikkomitees war die Einführung einer 48 Stunden Woche. Auch hier wieder ein neuerlicher Angriff auf die Arbeitszeiten. Nehmen wir die Forderungen der Wirtschaftsvertretungen im Parlament, die bereits deponiert sind: es geht um die Lockerung des Arbeitsgesetzes, um die komplette Flexibilisierung; die Angriffspläne sind bereits im Parlament deponiert.

We go retro: dass der Wunsch der Wirtschaft: Retro in eine Zeit ohne Regelungen, ohne Rechte für das arbeitende Volk.

Wenn wir nicht 24 Stunden am Tag für den Betrieb, für die Firma auf Piquet sein wollen, müssen wir uns wehren. Wehren gegen diesen Rückschritt. Auch dafür ist der Frauenstreik dringend nötig. Der Frauenstreik muss einen Aufschwung verursachen. Eine gewerkschaftspolitische Wende, eine gewerkschaftliche Wende die die Rechte der Arbeitnehmenden wieder verteidigt und auszubauen versucht.

Damit wir nicht wieder hundert Jahre zurückfallen, braucht es den gewerkschaftlichen Aufstand. Nehmen wir den Frauenstreik als Start für eine Wende für Respekt, mehr Lohn – mehr Zeit.